Die Vergiftung – Maria Lazar

 

„In 13 Erzählabschnitten schickt Lazar die 20-jährige Ruth durch einen Windmühlenkampf gegen ihr großbürgerliches Herkunftsmilieu, das die moralisch wie ökonomisch bröckelnden Fassaden der Wohlanständigkeit mit fester Hand und verlogener Doppelmoral zusammenhält. Die schräg angeschnittenen Porträts und Raumbilder machen wie in einem Zerrspiegel all das dingfest, was kunstvoll verborgen sein will, aber auch all das, was das individuelle Unglück jedes Einzelnen ausmacht.

Es ist kein kalter Blick, sondern immer wieder ein verstehender, der, auch in pubertärer Manier, hoch aufgeladen zwischen tiefstem Abscheu und wärmstem Mitleid changiert. Die realen Fakten der familiären Abgründe deutet Maria Lazar mehr an, sie sind eher typologisch zu verstehen. Die Mutter hatte ein Verhältnis mit dem Jugendfreund ihres mittlerweile verstorbenen Mannes. Dem Ehebruch fügt der damalige Liebhaber den ökonomischen Betrug hinzu, indem er die Erfindung des Vaters erfolgreich verwertet, was zum finanziellen Desaster der Familie beiträgt, und als dämonischer Verführer spukt er noch in Ruths Leben hinein.

Der Bruder hat die Kanzleikraft geschwängert, vor seiner bevorstehenden Verheiratung muss die Abtreibung finanziert werden – vermutlich sorgsam eingetragen in das Ausgabenbuch der Mutter. Und das ehrgeizige Eheprojekt der älteren Schwester ist gescheitert, als ruchbar wurde, dass der Reichtum der Familie auf schwachen Beinen steht. Sie alle sind Täter im Dienste der Konvention und zugleich ihre Opfer – und können in dieser Double-Bind-Situation kein Verständnis für Ruths radikales Anrennen gegen den so schwer erkämpften Schein aufbringen. Ruth wiederum fehlt ein Vorbild, auch Onkel Gustav, das zweite schwarze Schaf der Familie, ist keines. Er hat nicht rebelliert, sondern resigniert und stirbt als gescheiterter Künstler.

Beeindruckend ist die ungestüme Kraft, mit der Lazar die Szenarien aufbaut, zuspitzt und ins Groteske kippen lässt. Mit großer Stilsicherheit nutzt sie Potenziale der Schubumkehr im Blick auf Menschen und Dinge. Es sind oft Gegenstände, die mit ihrer Positionierung im Raum und den Berührungen, die sie auslösen, Kommentar und Interpretation liefern. Dazu kommen für die Zeit unerhört radikale Körperbilder, wo sich Figuren wie der ausgepowerte Hilfslehrer Thomas als ungelenke Knochenbündel durch die Tage schleppen, um schließlich zu zerschellen.“

Dr. Evelyne Polt-Heinzl in ‚Die Presse‘