Aus der Presse

Nun, da die Buchmesse vorüber ist, liegt es nahe, der einen und anderen Neuerscheinung, die mir dort in die Hände geriet, ein paar Worte zu widmen. Beginnen will ich heute mit Alexander Pscheras Buch 'Vergessene Gesten', einer Sammlung kurzer Nekrologe auf allerlei reizende Konventionen, die von der Furie des Verschwindens aus dem Alltag vertrieben werden oder bereits vertrieben worden sind. [...] Auf der Suche nach einer Schublade landen wir bei jener mit der Aufschrift 'Konservative Kulturkritik', wobei Teile auch unter 'Stoizismus' einsortiert werden könnten und für die alles durchwirkende verliebte Wehmut überhaupt keine Lade existiert. Es ist jedenfalls nicht schön, wenn schöne Dinge verschwinden.

Michael Klonovsky, Acta diurna, 16. Oktober 2018

'125 Volten gegen den Zeitgeist' stellt der Autor vor, samt inspirierten Überlegungen zu deren Welterklärungs- und Sinnstiftungspotenzial. Da findet sich konsumorientierte Nostalgie ('Toast Hawaii essen', 'Kaugummi am Automaten kaufen') neben Bildungsbürgerlichkeit ('Gedichte auswendig lernen', 'Zeitungsartikel ausschneiden') und reiner Exzentrik ('Grundlos vor sich hin pfeifen', 'Eine Locke einrahmen').

PROFIL, 15. Oktober 2018

Ein Freund von mir, Alexander Pschera, hat gerade ein Buch über all die schönen Dinge geschrieben, die er 'Vergessene Gesten' nennt: Zeitungsartikel ausschneiden, Urlaubsfotos einkleben, Gedichte auswendig lernen, etwas im Lexikon nachschlagen, vor sich hin pfeifen, Ansichtskarten schreiben, jemandem die Tür aufhalten, im Bahnhofsrestaurant essen, sich bekreuzigen und vieles mehr.

Alexander von Schönburg, BILD am Sonntag, 26. August 2018

Ein echtes Kind seiner Zeit und des ausklingenden Expressionismus ist dieser Roman auch in seinem vibrierenden Stil, in der Empörung über Ungerechtigkeit, über 'Hungersnot und Seuche im Land, Unzucht und Völlerei in den Palästen'. Oder in den gewagten Sprachmalereien bei der Beschreibung des Himmels: 'Da tiefte sich das Blau sekundenlang in einen Abgrund von purpurner Schwärze.' Aber im Unterschied zu manchem historischen Roman der Zwischenkriegszeit, der meist eine Domäne von reaktionären Herrenreitern war, zeichnet Karlweis ihre Figuren durchaus nicht als hehre Heldinnen. Ihr kaustischer Blick verschont weder Edeldamen noch Strolche.

Franz Haas, Literatur & Kritik, März 2018

Marta Karlweis’ historischer Roman sitzt der heutzutage vielfach widerlegten Mär von den Potemkinschen Dörfern und der Naivität Katharinas der Großen auf. [...] Die literarische Konstruktion einer Ästhetik des Verfalls sowie kontrastierender Bilder von üppiger Verschwendung und zynischer Vergeudung jedweder Ressourcen vonseiten der Herrschenden beherrscht Marta Karlweis ausgezeichnet.

Caroline Liss, literaturkritik.de

Klassische Lesung im Bayern 2 – Meike Droste und Jonas Minthe präsentieren „Schwindel“ von Marta Karlweis

Zur ganzen Lesung:

Du hast keine Chance, nutze sie …
Marta Karlweis zeichnet 1931 facettenreich das Leben der kleinen Leute
Eine fast vergessene Autorin – wiederzuentdecken in der Lesung mit Meike Droste und Jonas Minthe
Redaktion und Moderation: Judith Heitkamp

Der ganze einstündige Beitrag ist als kostenloser Podcast verfügbar unter: http://www.br.de/nachrichten/meldungen/radiotexte-1312.html

Sie hat ein gutes Herz, die Olga Schnabel, aber sie ist an den falschen Mann geraten. Künstler ist er, und die Kunst kommt immer zuerst. Nur der Erfolg, der kommt nicht. Olga kratzt die Groschen zusammen. Ernst Schnabel aus der gleichen Sippe ist auch verliebt. Irmelin heißt sie und ist wunderschön, aber Geld ist eben keins da … Und wie Olga und Ernst lässt die Autorin Marta Karlweis alle in dieser Familie heimlich auf „die Immobilie“ schielen, die doch im Familienbesitz ist und von der man so gerne profitieren würde.

„Schwindel“, heißt dieser Roman aus dem Jahr 1931, und schwindelig kann einem werden bei der Mischung aus Leidenschaften und Aussichtlosigkeit. Geschwindelt wird auch eine Menge, vor allem sich selbst lügen diese kleinen Leute an, die so gerne „hochkommen“ würden. Ein starker, expressionistischer Text einer österreichischen Schriftstellerin, die heute fast keiner mehr kennt – dabei war sie vor dem Exil eine bekannte Autorin. Dass man Marta Karlweis (1889 bis 1965), die zweite Frau Jakob Wassermanns, heute wieder lesen und bei Bayern 2 hören kann, ist auch das Verdienst eines kleinen Verlags („Das vergessene Buch“), der „Schwindel“ neu aufgelegt hat. In der klassischen Lesung präsentieren Meike Droste und Jonas Minthe zwei Schicksale aus dem Schwindel-Kosmos der Marta Karlweis. Eine Wiederentdeckung. Regie: Irene Schuck. Moderation und Redaktion: Judith Heitkamp.

Der Roman Schwindel von Marta Karlweis ist im selben Jahr erschienen wie Ödön von Horváths geniales "Volksstück gegen das Volksstück" – nämlich 1931 – und hat mit diesem noch viel mehr gemeinsam. Er schildert den Niedergang einer anfangs bürgerlichen Wiener Familie in der Zeit vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg, in einem kaustisch-brillanten Geschichtenkranz voller Bosheit, Unglück und Verblödung. Verdienstvoll bemüht sich der Verlag Das vergessene Buch vor allem um Werke von Frauen wie Maria Lazar, Else Jerusalem und eben Marta Karlweis, von der kürzlich bereits der Roman Ein österreichischer Don Juan (1929) neu aufgelegt wurde.

Franz Haas, Der Standard

Vor allem aber ist es auch der geistige Schwindel, der einen beim rasanten Durchleben dieser gnadenlosen Existenzweise umfängt und mit sich reißt. Dieser wird dadurch noch verstärkt, dass statt der Figuren – die als tragische, zugleich aber unbedeutend wirkende Fallbeispiele verkrachter Existenzen nacheinander an einem vorbei ins Verderben treiben – der Leser diesen Schwindel durchmachen muss. Er (oder sie) erleidet an ihrer statt die Höhen und Tiefen der geistigen Verwirrung, ihre Pausen, Irrtümer und ahnungsvolle Blicke in die immer turbulenter werdende Zukunft (der Familie wie der Lektüre) – ohne wirkliche Hilfe und nur mit einer blassen Hoffnung auf baldige Besserung.

Lukas Hermann, Worte des Widerstands

Marta Karlweis zieht die Register solchen Erzählens zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit mit großer Souveränität. Nur Federfuchser werden ihre Erzählerkommentare als veraltete Technik verbuchen, in Wahrheit geht es um Strategien, die die Beschränkungen des Inneren Monologs aufbrechen, ohne dessen Errungenschaft zu desavouieren. Das hört sich so an und es klingt gar nicht alt: „Das angenehme Ehepaar, das auf diese Weise aus dem Nichts in unsere Geschichte tritt, wird gleich wieder im Nichts verschwinden, denn wir brauchen es nicht mehr, es hat seine Funktion längst erfüllt.

Prof. Karl Wagner in 'Der Falter'