Der Verlag

Verlagsportrait im Ö1 Kulturjournal

Die ganze Verlagslandschaft ist auf der Suche nach dem nächsten literarischen Superstar. Die ganze? Nein, ein kleiner Wiener Verlag hat seine Starautoren schon gefunden. Und zwar in der Vergangenheit. Der Verlag „Das vergessene Buch“, kurz DVB, legt nämlich Romane neu auf, deren Autorinnen zu Unrecht und auf völlig unerklärliche Weise aus der Erinnerung verschwunden sind. Vor zwei Jahren gegründet, hat der Verlag bisher vier Bücher herausgebracht, alle von weiblichen Autoren, die im literarischen Leben Wiens vor und nach dem Ersten Weltkrieg Bestseller ablieferten oder für veritable Skandale sorgten, beides aber auf höchstem literarischen Niveau.

– Wolfgang Popp im Ö1 Kulturjournal am 29. November 2016

Präsentation des Skandalromans „Der heilige Skarabäus“ auf RADIO ORANGE

Else Jerusalem war eine einst vielgelesene Autorin, in ihrem 1909 erschienenen Roman ‚Der heilige Skarabäus‘ beschrieb sie bar jeder Sentimentalität das Leben von Prostituierten im Wien der Jahrhundertwende. Obwohl ihr damit ein veritabler Bestseller gelungen war, geriet sie samt ihrer Bücher nach dem Zweiten Weltkrieg in völlige Vergessenheit. Die Germanistin und Psychotherapeutin Brigitte Spreitzer hat das Buch nun im Verlag DVB neu herausgegeben. Per Live-Schaltung aus Graz diskutiert sie mit der Autorin Marlen Schachinger und dem Verleger Albert Eibl über den Wert literarischer Wiederentdeckungen.

Sendezeit: Montag, 7. November 2016, 10-11 Uhr.

Moderation und Produktion: Herbert Gnauer

Unter dem angegebenen Link kann man die komplette Sendung nachhören:

https://cba.fro.at/327704

Um diese schreibenden Frauen dem jahrzehntelangen Vergessen zu entreißen, beschloss der 26-jährige Germanistikstudent Albert Eibl vor zwei Jahren, einen Verlag zu gründen und die aus dem Gedächtnis verschwundenen Werke neu herauszugeben. 'Das vergessene Buch' heißt dieser kleine, in Wien ansässige Verlag, soeben ist das vierte Buch erschienen: 'Der heilige Skarabäus' von Else Jerusalem. Ein Skandalroman über das Wiener Rotlichtmilieu, der kurz nach seinem Erscheinen im Jahr 1909 für Furore sorgte und bereits im selben Jahr weiterer 20 Auflagen erlebte.

Anna Steinbauer in der Süddeutschen Zeitung vom 20. Oktober 2016

Else Jerusalem hat mit 'Der heilige Skarabäus' formal und inhaltlich überwältigende Literatur geschaffen. In die eigentliche, chronologisch entwickelte Handlung sind nicht nur Rückblenden, sondern auch beispielhafte Biografien von verschiedenen Prostituierten eingeflochten. Else Jerusalem inszeniert nicht durchgängig, löst jedoch viel in Dialogen auf, und erzählt auf eine ungemein lebendige und eindringliche Art. [...] Der 1909 veröffentlichte Roman 'Der heilige Skarabäus' dreht sich um Prostitution, ja, aber Else Jerusalem bleibt dabei diskret und ihre Darstellung ist frei von jeglicher Anrüchigkeit. Hätte Emile Zola das Buch geschrieben, wäre es gewiss wohlwollend aufgenommen worden. Aber – und das war bezeichnend für die von Else Jerusalem kritisierte patriarchalische Gesellschaft – eine weibliche Autorin, die sich mit solchen Themen beschäftigte, löste damals einen Skandal aus. Vielleicht machte gerade das – und weniger das hohe literarische Niveau – 'Der heilige Skarabäus' zum Bestseller: Bis 1926 wurden 40 Auflagen gedruckt, davon 20 bereits im Erscheinungsjahr. Die Nationalsozialisten setzten das Gesamtwerk der inzwischen in Argentinien lebenden Wiener Schriftstellerin Else Jerusalem 1938 auf die Liste des 'schädlichen und unerwünschten Schrifttums'. Der Amsel-Verlag in Zürich druckte zwar 1954 noch eine Ausgabe von 'Der heilige Skarabäus', aber der großartige Roman geriet in Vergessenheit. Dass sich das ändert, ist zu hoffen, denn im Oktober 2016 druckte der zwei Jahre zuvor in Wien von dem 1990 in München geborenen Verleger Albert C. Eibl gegründete DVB Verlag (Das vergessene Buch) eine von der Grazer Literaturprofessorin und Psychotherapeutin Brigitte Spreitzer herausgegebene Neuausgabe. [...]

Dieter Wunderlich am 14. Oktober 2016

Marta Karlweis literarisch zu rehabilitieren, diese Aufgabe fällt offensichtlich dem kleinen Wiener Verlag DVB (= Die vergessenen Bücher) zu. Gefördert vom Zukunftsfonds der Republik, erlebt "Ein österreichischer Don Juan" die Neuauflage. Eine schöne Überraschung, weil diese Autorin kein Rohdiamant war, sondern ein längst geschliffener Edelstein, noch dazu bereits in Fassung gebracht.

Peter Pisa am 30. März 2016 im Wiener Kurier

Michael Rohrwasser hat das frühe Werk von Maria Lazar als 'kleine Sensation' bezeichnet. Tatsächlich ließe es sich durchaus als eine frühe Vorläufern der Klavierspielerin von Elfriede Jelinek verstehen, gehen die Parallelen doch über die intensive Hassliebe zwischen Mutter und Tochter hinaus, gegen die Ruth teils zerstörerisch rebelliert. Die Schärfe der Beobachtung und die Sprache, die die physische und psychische Gewalt der engen Gesellschaft zum Ausdruck bringt, verbinden sie mit der österreichischen Nobelpreisträgerin. Ein anderer Nobelpreisträger, Thomas Mann, fand in Die Vergiftung nichts anderes als 'penetranten Weibsgeruch' – ein weiteres Indiz dafür, dass Maria Lazar den Finger zu ihrer Zeit in eine schmerzende Wunde gelegt hat. Dass Albert Eibl in seinem Verlag nun auch ein weiteres Werk der Autorin herausbringt (Die Eingeborenen von Maria Blut) lässt hoffen, dass die Bücher künftig ihrem neuen Verlagsnamen 'das vergessene buch' kaum mehr entsprechen werden.

Holger Englerth auf literaturkritik.de