Die Eingeborenen von Maria Blut

Verlagsportrait im Ö1 Kulturjournal

Die ganze Verlagslandschaft ist auf der Suche nach dem nächsten literarischen Superstar. Die ganze? Nein, ein kleiner Wiener Verlag hat seine Starautoren schon gefunden. Und zwar in der Vergangenheit. Der Verlag „Das vergessene Buch“, kurz DVB, legt nämlich Romane neu auf, deren Autorinnen zu Unrecht und auf völlig unerklärliche Weise aus der Erinnerung verschwunden sind. Vor zwei Jahren gegründet, hat der Verlag bisher vier Bücher herausgebracht, alle von weiblichen Autoren, die im literarischen Leben Wiens vor und nach dem Ersten Weltkrieg Bestseller ablieferten oder für veritable Skandale sorgten, beides aber auf höchstem literarischen Niveau.

– Wolfgang Popp im Ö1 Kulturjournal am 29. November 2016

Maria Lazars bestechende, mit schnellem Dialogpuls erzählte Mentalitätsanalyse eines kleinstädtischen Milieus kurz vor der 'Machtergreifung', in dem alles gefährlich Verstockte nahezu ungehindert anwächst, bis es 1938 endlich 'heim ins Reich' ging, erschien erstmals 1958 in der DDR unter dem dänischen Pseudonym Esther Grenen, unter dem Lazar seit Mitte der Zwanzigerjahre erfolgreich publizierte. Nun kommt der Roman erstmals in Österreich heraus, auf eine ähnliche Stimmungs-Melange treffend.

– Harald Eggebrecht am 10. Juni 2015 in der 'Süddeutschen Zeitung'

Mit der Herausgabe von Maria Lazars literarischem Erstlingswerk Die Vergiftung stellt sich ein neuer Wiener Verlag vor: Das vergessene Buch. Dieser Name ist Programm. Nicht nur der Roman, erstmals 1920 im E. P. Tal Verlag erschienen, auch seine Verfasserin, die 1895 in Wien geborene Schriftstellerin und kulturpolitisch engagierte Journalistin, ist heute weitgehend unbekannt und von der Literaturgeschichtsschreibung gründlich vergessen worden. [...] Nach der Lektüre dieses kleinen großartigen Romans, der weit mehr ist als ein beispielhaftes Zeugnis des literarischen Expressionismus, muten diese Leerstellen in der Rezeption reichlich merkwürdig an. [...] Bereits 1933 entscheidet sich Lazar unter den Eindrücken des auch in Österreich erstarkenden Nationalsozialismus für das skandinavische Exil. Über ihre Kontakte zur Schriftstellerin Karin Michaelis findet sie mit ihrer Tochter Judith zunächst Unterkunft auf der dänischen Insel Thurø, wohin sie auch ihre Freundin Helene Weigel und Bert Brecht vermitteln kann. Nach mehreren Umzügen flieht sie schließlich 1939 nach Schweden. Noch in Dänemark gelingt ihr 1937 die Veröffentlichung eines Kapitels ihres großen Exilromans Die Eingeborenen von Maria Blut über die allmähliche Entwicklung des Nazismus in der österreichischen Provinz in der deutschsprachigen Moskauer Exilzeitschrift Das Wort. Nachdem sich Lazar 1948 in Stockholm das Leben genommen hatte, konnte der vollständige Roman erst 1958 auf Betreiben ihrer Schwester Auguste, die sich in der DDR als Verfasserin von Kinder- und Jugendbüchern etabliert hatte, im Rudolstädter Greifen Verlag postum erscheinen. Auf eine Neuauflage auch dieses vergessenen Buches darf man sich freuen. Die Drucklegung ist von dem jungen Wiener Verlag mit dem treffendem Namen für das Frühjahr 2015 angekündigt.

Thomas Assinger in 'Zwischenwelt'. Literatur/ Widerstand / Exil, 32. Jg., Nr. 1, April 2015.