Die Vergiftung

Verlagsportrait im Ö1 Kulturjournal

Die ganze Verlagslandschaft ist auf der Suche nach dem nächsten literarischen Superstar. Die ganze? Nein, ein kleiner Wiener Verlag hat seine Starautoren schon gefunden. Und zwar in der Vergangenheit. Der Verlag „Das vergessene Buch“, kurz DVB, legt nämlich Romane neu auf, deren Autorinnen zu Unrecht und auf völlig unerklärliche Weise aus der Erinnerung verschwunden sind. Vor zwei Jahren gegründet, hat der Verlag bisher vier Bücher herausgebracht, alle von weiblichen Autoren, die im literarischen Leben Wiens vor und nach dem Ersten Weltkrieg Bestseller ablieferten oder für veritable Skandale sorgten, beides aber auf höchstem literarischen Niveau.

– Wolfgang Popp im Ö1 Kulturjournal am 29. November 2016

Maria Lazar erzählt im Roman Die Vergiftung keine herkömmliche Story ihrer Heldin Ruth. Es ist nicht ihre Geschichte, für die sich die Autorin interessiert. Vielmehr beleuchtet Lazar Ruths inneren Seelenzustand, ihre Selbstzweifel, Zerrissenheit und Fremdartigkeit anhand einzelner Erlebnisse, kurzer Szenen, einzelner Bilder. Für Ruths psychische Gespanntheit findet sie passende Bilder. Wie schon im Märchen von Herzog Blaubart wird die verschlossene Tür, »eine braune Holztür, glatt, mit vielen dunklen Flecken. Eine Tür wie sie überall ist, überall ist. Eine Tür –« zum Ausdruck für den Konflikt, zum Hindernis, zur Wand, gegen die sie anrennt, »die sich nie und nie zertrümmern läßt«.

– Hubert Holzmann im TITEL kulturmagazin

Michael Rohrwasser hat das frühe Werk von Maria Lazar als 'kleine Sensation' bezeichnet. Tatsächlich ließe es sich durchaus als eine frühe Vorläufern der Klavierspielerin von Elfriede Jelinek verstehen, gehen die Parallelen doch über die intensive Hassliebe zwischen Mutter und Tochter hinaus, gegen die Ruth teils zerstörerisch rebelliert. Die Schärfe der Beobachtung und die Sprache, die die physische und psychische Gewalt der engen Gesellschaft zum Ausdruck bringt, verbinden sie mit der österreichischen Nobelpreisträgerin. Ein anderer Nobelpreisträger, Thomas Mann, fand in Die Vergiftung nichts anderes als 'penetranten Weibsgeruch' – ein weiteres Indiz dafür, dass Maria Lazar den Finger zu ihrer Zeit in eine schmerzende Wunde gelegt hat. Dass Albert Eibl in seinem Verlag nun auch ein weiteres Werk der Autorin herausbringt (Die Eingeborenen von Maria Blut) lässt hoffen, dass die Bücher künftig ihrem neuen Verlagsnamen 'das vergessene buch' kaum mehr entsprechen werden.

Holger Englerth auf literaturkritik.de

Es ist eigenartig, wenn ein Buch wie aus dem Nichts wiederauftaucht. Eine junge österreichisch-jüdische Schriftstellerin, Maria Lazar, veröffentlichte 1920 ihren ersten Roman: Die Vergiftung. Das Werk blieb ohne großen Erfolg. Nun hat der neugegründete Wiener Verlag mit Namen DVB (für Das vergessene Buch) die Erstausgabe wiederaufgelegt und wirbt für ein bedeutendes Werk des weiblichen literarischen Expressionismus. Man fragt sich, warum und wie das Werk ein Jahrhundert lang der Aufmerksamkeit entgehen konnte.

Sandra Kerschbaumer in der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung'

Sicher ist dieses verblüffende Buch auch ein Selbstporträt der Autorin als zornige junge Frau. Aber ausser den typischen Zügen seiner Zeit rumort darin auch die immer gleich bleibende, rabiate Unruhe der neuen Generationen. Auch vor hundert Jahren wurde das nicht von allen goutiert. Thomas Mann mokierte sich über den Roman in einem privaten Brief: «penetranter Weibsgeruch». Robert Musil hingegen erkannte darin, trotz manchem Einwand, einen «rücksichtslos unbefangenen Blick», und es störten ihn weder das Weibliche noch die «jugendlichen Ellenbogen». Wie so oft war auch in diesem Fall Robert Musils Auge feiner als Thomas Manns Nase.

Franz Haas in der 'Neuen Zürcher Zeitung'

Mit der Herausgabe von Maria Lazars literarischem Erstlingswerk Die Vergiftung stellt sich ein neuer Wiener Verlag vor: Das vergessene Buch. Dieser Name ist Programm. Nicht nur der Roman, erstmals 1920 im E. P. Tal Verlag erschienen, auch seine Verfasserin, die 1895 in Wien geborene Schriftstellerin und kulturpolitisch engagierte Journalistin, ist heute weitgehend unbekannt und von der Literaturgeschichtsschreibung gründlich vergessen worden. [...] Nach der Lektüre dieses kleinen großartigen Romans, der weit mehr ist als ein beispielhaftes Zeugnis des literarischen Expressionismus, muten diese Leerstellen in der Rezeption reichlich merkwürdig an. [...] Bereits 1933 entscheidet sich Lazar unter den Eindrücken des auch in Österreich erstarkenden Nationalsozialismus für das skandinavische Exil. Über ihre Kontakte zur Schriftstellerin Karin Michaelis findet sie mit ihrer Tochter Judith zunächst Unterkunft auf der dänischen Insel Thurø, wohin sie auch ihre Freundin Helene Weigel und Bert Brecht vermitteln kann. Nach mehreren Umzügen flieht sie schließlich 1939 nach Schweden. Noch in Dänemark gelingt ihr 1937 die Veröffentlichung eines Kapitels ihres großen Exilromans Die Eingeborenen von Maria Blut über die allmähliche Entwicklung des Nazismus in der österreichischen Provinz in der deutschsprachigen Moskauer Exilzeitschrift Das Wort. Nachdem sich Lazar 1948 in Stockholm das Leben genommen hatte, konnte der vollständige Roman erst 1958 auf Betreiben ihrer Schwester Auguste, die sich in der DDR als Verfasserin von Kinder- und Jugendbüchern etabliert hatte, im Rudolstädter Greifen Verlag postum erscheinen. Auf eine Neuauflage auch dieses vergessenen Buches darf man sich freuen. Die Drucklegung ist von dem jungen Wiener Verlag mit dem treffendem Namen für das Frühjahr 2015 angekündigt.

Thomas Assinger in 'Zwischenwelt'. Literatur/ Widerstand / Exil, 32. Jg., Nr. 1, April 2015.

In 13 Erzählabschnitten schickt Lazar die 20-jährige Ruth durch einen Windmühlenkampf gegen ihr großbürgerliches Herkunftsmilieu, das die moralisch wie ökonomisch bröckelnden Fassaden der Wohlanständigkeit mit fester Hand und verlogener Doppelmoral zusammenhält.  [...] Beeindruckend ist die ungestüme Kraft, mit der Lazar die Szenarien aufbaut, zuspitzt und ins Groteske kippen lässt. Mit großer Stilsicherheit nutzt sie Potenziale der Schubumkehr im Blick auf Menschen und Dinge. Es sind oft Gegenstände, die mit ihrer Positionierung im Raum und den Berührungen, die sie auslösen, Kommentar und Interpretation liefern. Dazu kommen für die Zeit unerhört radikale Körperbilder, wo sich Figuren wie der ausgepowerte Hilfslehrer Thomas als ungelenke Knochenbündel durch die Tage schleppen, um schließlich zu zerschellen. [...] Es ist also zu hoffen, dass die Edition ihres Werks fortgesetzt wird.  

Evelyne Polt-Heinzl in 'Die Presse'