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Hubert Holzmann im TITEL kulturmagazin

Maria Lazar erzählt im Roman Die Vergiftung keine herkömmliche Story ihrer Heldin Ruth. Es ist nicht ihre Geschichte, für die sich die Autorin interessiert. Vielmehr beleuchtet Lazar Ruths inneren Seelenzustand, ihre Selbstzweifel, Zerrissenheit und Fremdartigkeit anhand einzelner Erlebnisse, kurzer Szenen, einzelner Bilder. Für Ruths psychische Gespanntheit findet sie passende Bilder. Wie schon im Märchen von Herzog Blaubart wird die verschlossene Tür, »eine braune Holztür, glatt, mit vielen dunklen Flecken. Eine Tür wie sie überall ist, überall ist. Eine Tür –« zum Ausdruck für den Konflikt, zum Hindernis, zur Wand, gegen die sie anrennt, »die sich nie und nie zertrümmern läßt«. […] Die Vergiftung ist ein moderner Roman. Der skurrile Tagebucheintrag Thomas Manns zu seiner Romanlektüre von Lazars Vergiftung ist für uns Anlass, die Autorin zu lesen: »Ging gestern Abend wieder in den Park, saß zum ersten Mal wieder lesend unter einem Baum. Begann mit einem Roman Vergiftung von Maria Lazar …, lese aber nicht weiter. Penetranter Weibsgeruch.«

 

Hubert Holzmann im  TITEL kulturmagazin

– Harald Eggebrecht am 10. Juni 2015 in der ‚Süddeutschen Zeitung‘

Maria Lazars bestechende, mit schnellem Dialogpuls erzählte Mentalitätsanalyse eines kleinstädtischen Milieus kurz vor der ‚Machtergreifung‘, in dem alles gefährlich Verstockte nahezu ungehindert anwächst, bis es 1938 endlich ‚heim ins Reich‘ ging, erschien erstmals 1958 in der DDR unter dem dänischen Pseudonym Esther Grenen, unter dem Lazar seit Mitte der Zwanzigerjahre erfolgreich publizierte. Nun kommt der Roman erstmals in Österreich heraus, auf eine ähnliche Stimmungs-Melange treffend.

 

Harald Eggebrecht am 10. Juni 2015 in der ‚Süddeutschen Zeitung‘

Sandra Kerschbaumer in der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘

Es ist eigenartig, wenn ein Buch wie aus dem Nichts wiederauftaucht. Eine junge österreichisch-jüdische Schriftstellerin, Maria Lazar, veröffentlichte 1920 ihren ersten Roman: Die Vergiftung. Das Werk blieb ohne großen Erfolg. Nun hat der neugegründete Wiener Verlag mit Namen DVB (für Das vergessene Buch) die Erstausgabe wiederaufgelegt und wirbt für ein bedeutendes Werk des weiblichen literarischen Expressionismus. Man fragt sich, warum und wie das Werk ein Jahrhundert lang der Aufmerksamkeit entgehen konnte.

 

Sandra Kerschbaumer in der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘

Franz Haas in der ‚Neuen Zürcher Zeitung‘

Sicher ist dieses verblüffende Buch auch ein Selbstporträt der Autorin als zornige junge Frau. Aber ausser den typischen Zügen seiner Zeit rumort darin auch die immer gleich bleibende, rabiate Unruhe der neuen Generationen. Auch vor hundert Jahren wurde das nicht von allen goutiert. Thomas Mann mokierte sich über den Roman in einem privaten Brief: «penetranter Weibsgeruch». Robert Musil hingegen erkannte darin, trotz manchem Einwand, einen «rücksichtslos unbefangenen Blick», und es störten ihn weder das Weibliche noch die «jugendlichen Ellenbogen». Wie so oft war auch in diesem Fall Robert Musils Auge feiner als Thomas Manns Nase.

 

Franz Haas in der ‚Neuen Zürcher Zeitung‘

Thomas Assinger in ‚Zwischenwelt‘. Literatur/ Widerstand / Exil, 32. Jg., Nr. 1, April 2015.

Mit der Herausgabe von Maria Lazars literarischem Erstlingswerk Die Vergiftung stellt sich ein neuer Wiener Verlag vor: Das vergessene Buch. Dieser Name ist Programm. Nicht nur der Roman, erstmals 1920 im E. P. Tal Verlag erschienen, auch seine Verfasserin, die 1895 in Wien geborene Schriftstellerin und kulturpolitisch engagierte Journalistin, ist heute weitgehend unbekannt und von der Literaturgeschichtsschreibung gründlich vergessen worden. […] Nach der Lektüre dieses kleinen großartigen Romans, der weit mehr ist als ein beispielhaftes Zeugnis des literarischen Expressionismus, muten diese Leerstellen in der Rezeption reichlich merkwürdig an. […]

Bereits 1933 entscheidet sich Lazar unter den Eindrücken des auch in Österreich erstarkenden Nationalsozialismus für das skandinavische Exil. Über ihre Kontakte zur Schriftstellerin Karin Michaelis findet sie mit ihrer Tochter Judith zunächst Unterkunft auf der dänischen Insel Thurø, wohin sie auch ihre Freundin Helene Weigel und Bert Brecht vermitteln kann. Nach mehreren Umzügen flieht sie schließlich 1939 nach Schweden. Noch in Dänemark gelingt ihr 1937 die Veröffentlichung eines Kapitels ihres großen Exilromans Die Eingeborenen von Maria Blut über die allmähliche Entwicklung des Nazismus in der österreichischen Provinz in der deutschsprachigen Moskauer Exilzeitschrift Das Wort. Nachdem sich Lazar 1948 in Stockholm das Leben genommen hatte, konnte der vollständige Roman erst 1958 auf Betreiben ihrer Schwester Auguste, die sich in der DDR als Verfasserin von Kinder- und Jugendbüchern etabliert hatte, im Rudolstädter Greifen Verlag postum erscheinen. Auf eine Neuauflage auch dieses vergessenen Buches darf man sich freuen. Die Drucklegung ist von dem jungen Wiener Verlag mit dem treffendem Namen für das Frühjahr 2015 angekündigt.

 

Thomas Assinger in ‚Zwischenwelt‘. Literatur/ Widerstand / Exil, 32. Jg., Nr. 1, April 2015