Aus der Presse

Präsentation des Skandalromans „Der heilige Skarabäus“ auf RADIO ORANGE

Else Jerusalem war eine einst vielgelesene Autorin, in ihrem 1909 erschienenen Roman ‚Der heilige Skarabäus‘ beschrieb sie bar jeder Sentimentalität das Leben von Prostituierten im Wien der Jahrhundertwende. Obwohl ihr damit ein veritabler Bestseller gelungen war, geriet sie samt ihrer Bücher nach dem Zweiten Weltkrieg in völlige Vergessenheit. Die Germanistin und Psychotherapeutin Brigitte Spreitzer hat das Buch nun im Verlag DVB neu herausgegeben. Per Live-Schaltung aus Graz diskutiert sie mit der Autorin Marlen Schachinger und dem Verleger Albert Eibl über den Wert literarischer Wiederentdeckungen.

Sendezeit: Montag, 7. November 2016, 10-11 Uhr.

Moderation und Produktion: Herbert Gnauer

Unter dem angegebenen Link kann man die komplette Sendung nachhören:

https://cba.fro.at/327704

Um diese schreibenden Frauen dem jahrzehntelangen Vergessen zu entreißen, beschloss der 26-jährige Germanistikstudent Albert Eibl vor zwei Jahren, einen Verlag zu gründen und die aus dem Gedächtnis verschwundenen Werke neu herauszugeben. 'Das vergessene Buch' heißt dieser kleine, in Wien ansässige Verlag, soeben ist das vierte Buch erschienen: 'Der heilige Skarabäus' von Else Jerusalem. Ein Skandalroman über das Wiener Rotlichtmilieu, der kurz nach seinem Erscheinen im Jahr 1909 für Furore sorgte und bereits im selben Jahr weiterer 20 Auflagen erlebte.

Anna Steinbauer in der Süddeutschen Zeitung vom 20. Oktober 2016

Else Jerusalem hat mit 'Der heilige Skarabäus' formal und inhaltlich überwältigende Literatur geschaffen. In die eigentliche, chronologisch entwickelte Handlung sind nicht nur Rückblenden, sondern auch beispielhafte Biografien von verschiedenen Prostituierten eingeflochten. Else Jerusalem inszeniert nicht durchgängig, löst jedoch viel in Dialogen auf, und erzählt auf eine ungemein lebendige und eindringliche Art. [...] Der 1909 veröffentlichte Roman 'Der heilige Skarabäus' dreht sich um Prostitution, ja, aber Else Jerusalem bleibt dabei diskret und ihre Darstellung ist frei von jeglicher Anrüchigkeit. Hätte Emile Zola das Buch geschrieben, wäre es gewiss wohlwollend aufgenommen worden. Aber – und das war bezeichnend für die von Else Jerusalem kritisierte patriarchalische Gesellschaft – eine weibliche Autorin, die sich mit solchen Themen beschäftigte, löste damals einen Skandal aus. Vielleicht machte gerade das – und weniger das hohe literarische Niveau – 'Der heilige Skarabäus' zum Bestseller: Bis 1926 wurden 40 Auflagen gedruckt, davon 20 bereits im Erscheinungsjahr. Die Nationalsozialisten setzten das Gesamtwerk der inzwischen in Argentinien lebenden Wiener Schriftstellerin Else Jerusalem 1938 auf die Liste des 'schädlichen und unerwünschten Schrifttums'. Der Amsel-Verlag in Zürich druckte zwar 1954 noch eine Ausgabe von 'Der heilige Skarabäus', aber der großartige Roman geriet in Vergessenheit. Dass sich das ändert, ist zu hoffen, denn im Oktober 2016 druckte der zwei Jahre zuvor in Wien von dem 1990 in München geborenen Verleger Albert C. Eibl gegründete DVB Verlag (Das vergessene Buch) eine von der Grazer Literaturprofessorin und Psychotherapeutin Brigitte Spreitzer herausgegebene Neuausgabe. [...]

Dieter Wunderlich am 14. Oktober 2016

Erzählt wird darin scharfsinnig und spitzzüngig ein Reigen der Lieblosigkeiten vor dem Hintergrund der letzten Jahrzehnte der Habsburgermonarchie. Dieser Abgesang auf die gar nicht so gute alte Zeit erinnert ein wenig an Joseph Roth, mehr aber noch an den gegen Nostalgie resistenteren Ödön von Horváth. Kunstvoll verwoben hat die Autorin in diesem Sittenbild jede Menge bitterböse Geschichten aus der Wienerstadt.

Franz Haas am 24. Mai 2016 im 'Standard'

"Ein österreichischer Don Juan" ist fast ein Schnitzler’scher Reigen, in dem es aber weniger um die sexuelle Erfüllung oder die körperliche Lust geht. Vielmehr steht die Sehnsucht nach emotionalem Halt und einer Sicherheit im Vordergrund, die zu erlangen aber nicht mehr möglich ist. Der Roman erzählt das Ende der Monarchie mit, das Verschwinden einer Ordnung, die Sicherheit und Identifikation für Raidt und seinesgleichen war. [...] Der 1929 erstmals erschienene Roman lohnt auch heute noch die Lektüre. Er ist einer jener Versuche, den Niedergang der Monarchie zu deuten, aber auch die Unvernunft des Menschen zu beschwören. Und mindestens darin ist das Werk aktueller denn je.

Ernst Grabovszki am 1. Mai 2016 im OE1 (Ex libris)

Marta Karlweis literarisch zu rehabilitieren, diese Aufgabe fällt offensichtlich dem kleinen Wiener Verlag DVB (= Die vergessenen Bücher) zu. Gefördert vom Zukunftsfonds der Republik, erlebt "Ein österreichischer Don Juan" die Neuauflage. Eine schöne Überraschung, weil diese Autorin kein Rohdiamant war, sondern ein längst geschliffener Edelstein, noch dazu bereits in Fassung gebracht.

Peter Pisa am 30. März 2016 im Wiener Kurier

Man kann das Buch über weite Strecken als Psychoanalyse im literarischen Gewand, gekleidet in schöne Sprachbilder und ergänzt um viele zitierfähige Aphorismen („Alle Reife entsteht durch […] Höllenwanderung der Phantasie“), begreifen. Das ist gewiss nicht das Schlechteste, was man über einen Roman mit diesem Sujet sagen kann.

Julian Köck auf literaturkritik.de

"Marta Karlweis ist nach Maria Lazar die zweite Autorin, die man dank des Verlags 'Das vergessene Buch' wiederentdecken kann. [...] wer will, kann den 1929 erschienenen Roman 'Ein österreichischer Don Juan' psychoanalytisch lesen – der Frauenheld heißt hier Erwein von Raidt und ist ein ausgeprägter Schuhfetischist. Den acht Kapiteln ist eine röntgenscharfe Charakterstudie Erwein von Raidts vorgeschaltet, die ihn als kalten Sonderling ausweist. Der bitterböse Roman handelt dann davon, wie 'das Judenmädl' Cecile ins Verderben gestürzt wird. Er spielt vor dem Ersten Weltkrieg, ebenso wie Joseph Roth gilt Karlweis’ eigentliches Interesse dem Untergang der k.-u.-k.-Monarchie. Doch liegt ihr jede Nostalgie fern. Entlarvt wird eine bigotte, misogyne Operettengesellschaft"  

Florian Welle am 12. Januar 2016 in der Süddeutschen Zeitung